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#12

Ich lese den Zauberberg, zum zweiten Mal in meinem Leben. Diesmal konzentrierter, diesmal für mich alleine. In den Minuten, die ich für mich habe. Der Therapeut hat mich gefragt, ob ich das nicht für unangemessen halte. An einem Ort, wie diesem.

Wir geben diesem Ort alberne Namen, wir scherzen, wir lachen darüber. Weil niemand den Gedanken ertragen könnte, daß wir alle krank sind, die ganze Gruppe und jeder für sich. Daß wir unsere Zwänge haben, düstere Gedanken, unsere Angst. Und daß wir alle einmal an dem Punkt standen, an dem wir glaubten, nie wieder ins Leben zurück zu finden. Das laute Mädchen mit den Sommersprossen, das keinen Schritt vor die Tür machen kann, das Puppengesichtmädchen, das nachts für sich selbst weint und tafelweise Schokolade isst, das große Mädchen, das vor anderen die Schultern hochzieht und nicht reden mag, die Älteste, die selbstbewusst spricht und in der ständigen Angst vor Krankheit lebt, die Kleinste, die ihr Unglück nicht aufgeben will. Und dann der Junge, der an allem leidet und es nicht konkretisieren könnte, der große, dünne Kerl, der sich wie ein Kind benimmt und sich nachts die Arme aufschneidet, die zwei, von denen niemand weiß, was ihnen eigentlich zugestoßen ist und die selten ihr Zimmer verlassen, und der Junge, der sich wäscht, bis die Haut ganz wund ist, weil er nicht anders kann. Wir alle sind nicht gefährlich, nicht für uns und nicht für andere. Aber wir alle können das Leben nur schwer bewältigen.

Rauchen ist hier eigentlich verboten. Und Ausgang gibt es für allenfalls eine Dreiviertelstunde. Ich werde hier nicht lange bleiben. Vielleicht noch eine Woche oder ein wenig mehr. Aber schon jetzt kommt mir mein Leben wie unendlich weit weg vor. Und ich werde mich nicht noch weiter entfremden.
22.9.10 14:37
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Andreas / Website (22.9.10 21:57)
Hey, ich umame dich ganz virtuell und zünde ein ganz reales Licht für dich an, gleich Morgen. Ich finde dass der Zauberberg ideal passt, wenngleich er manchmal etwas schwer zu ertragen ist. Clawdia, du meine Güte. Lies niemals Dr. Faustus, das ist ein unglaubliches Buch. Du erinnerst mich gerade an meine Jugend. Du musst wissen was gut für dich ist. Und irgendwie BIST du eben besonders. Es berührt so wenn du schreibst dass ihr alle das Leben nur schwer bewältigen könnt. Ich weiß nicht wie ich es erklären kann, es treibt einem etwas die Tränen in die Augen, auch weil du etwas siehst was niemand sonst sehen kann, und es so aufschreibst dass man es spürt. Es ist etwas in deinen Worten...in deinen Gedanken.

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