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#6

Ich habe mir die Hand verbrannt.

Es war der Schock. Am Anfang war es bloß der Schock, ein kalter Blitz, der mir durch die Knochen fuhr, als das kochende Wasser auf meine Haut traf. Dann die Wut, eine siedend heisse Wut. Dann der Schmerz, wie tausende Nadeln, die sich gleichzeitig in meine Hand bohrten. Jedes Kühlen schien vergeblich, der Schmerz blieb und ich weinte, zum ersten Mal, weil mir etwas wehtat. Und ich war blind, zum ersten mal, vor Schmerz.
Um mein Handgelenk zieht sich eine rotbräunliche Spur, wie ausgelaufene Farbe, ein paar krankhaft-gelbe Blasen erheben sich und stechen hervor. Immer wieder berühre ich sie und bin eher fasziniert, als erschrocken, wie mein Bruder erschrocken war, als er die Hand sah und einfach die Tür schloss und sich in sich selbst versteckte.
4.7.10 14:52


#5

Als ich in der Schule ankomme:
Es regnet, obwohl es gerade noch trocken war, ich friere, obwohl mir eben noch warm war.
"L, dein Kajal ist verschmiert." "L, du bist ja total nass." Danke, ich wusste nicht, dass meine Schminke nicht sturmregentauglich ist. Danke, ich wusste nicht, dass der Regen feucht war.

9:35 - 10:20 LATEIN
10:25 - 11:10 LATEIN

Und ich male kleine blaue Tintenherzen - für wen? Für Niemanden - in mein Heft, übermale sie, bis das Papier reisst und höre nicht.

"Warum fährst du eigentlich nicht mit nach Rom?"

Weil mich Rom nicht glücklicher machen wird, als diese triste, mittelgroße Stadt und weil ich den Gedanken nicht ertragen kann, IHNEN eine Woche lang ausgeliefert zu sein.

Und weil mir die Herzen zu langweilig werden, reihe ich zusammenhanglose Sätze aneinander. Und S stößt mich an und sagt : "Du bist echt verrückt, L." und ich weiß nicht, ob S es sagt, um mich zu verletzen oder zu loben, manchmal glaube ich, SIE verstehen nicht, was sie sagen, manchmal glaube ich, ich bin die einzig Nicht-Verrückte zwischen ihnen.

11:10 - 11:25 GROßE PAUSE

Ich suche E. Und finde Y und er nimmt mich mit sich und erzählt und gestikuliert wild und lacht und stellt mich zu seinen Freunden. Und der nasse Softball, den die Fünftklässler kicken, stört mich nur ein winzig kleines bisschen. "Einen Korb von einer 14-Jährigen zu bekommen ist ja wohl peinlich. Zweimal einen Korb von einer 14-Jährigen zu kriegen, ist arm. Und sich dann immer noch an sie ranmachen zu wollen, ist erbärmlich."

Vor dem Klassenraum: "L, S hat mir erzählt, dass du total nass geworden bist. Uh, und du solltest deinen Kajal nochmal neu nachziehen." Danke, dass du es wieder erwähnst. Und danke, dass du sonst keine Sorgen hast.

11:30 - 12:15 DEUTSCH

SIE diskutieren über Zitierregeln und Kopfnoten. Und wieder bleibt mein Blick an M hängen. Er hat das Haar an den Seiten abrasiert, ein breiter Haarstreifen zieht sich vom Nacken bis oberhalb der Stirn. Seine Frisur irritiert mich, sie steht so im Kontrast zu seiner Kindlichkeit. Alles steht im Kontrast zu seiner Kindlichkeit. Das Rauchen, das Trinken, das Kiffen. Der Gossenakzent klingt aufgesetzt und ich könnte lachen. Er fühlt sich beobachtet und sieht zurück und ich gucke schnell weg, aus Angst vor seinem verwirrten oder aggressiven Gesichtsausdruck. Was glotzt du so.

Meine Banknachbarin setzt sich weg und ich weiß, nun bin ich endgültig aus dem Spiel, denn selbst die Duldsamste flieht. Sie zieht die Schultern hoch und lächelt halb-bedauernd. "Ich bin total verrückt." "Ich liebe Leute, die so verrückt sind, wie ich." ich glaube, ich bin auf die falsche Art komisch.

12:20 - 13:05 KUNST

Wir malen und ich male ein Uhrwerk, mit schwarzer und rötlicher Kohle. Es gelingt mir nur amateurhaft, aber seltsamerweise bin ich mit dem Ergebnis zufrieden.

"Und bleibt einer von ihnen noch freiwillig zum Fegen?"
(Ich melde mich zögernd, aber sie übergeht es.)
"Okay, L, nennen sie mir eine Zahl."
"13"
(Bin ich klischeehaft?)
"13... 11, 12, ja, das wäre dann J. J, sie... ach, ich hab sie ja gerade weggeschickt."
"Ich kann auch fegen."

Das Fegen beruhigt mich unerklärlicherweise. Ich bin kein Ordnungshüter und dennoch liegt in dieser Ordnung etwas Tröstendes.
1.7.10 03:57


#4

Knochenweiss stand der Mond am Himmel, verschwommen nahm ich sie alle um mich wahr und ich begriff, dass ich alleine war und sein werde. Der Geruch von Alkohol nahm mir beinahe den Atem und ich drückte eine Person, die mir nur eine von vielen austauschbaren Gestalten war, an mich. Ich saß auf Januarkaltem Asphalt und konnte mich selbst kaum mehr spüren. Ich schwebte, als hätte mir die Erkenntnis eine Last genommen.

Es tut weniger weh, wenn man eingesehen hat, dass man einsam ist. Was schmerzt, ist die suche nach dem Grund.
29.6.10 05:58


#3

"Warum bist du immer so still, L?"

Ich starre aus dem Fenster und überlege. Kann man die Wirklichkeit in ein Videoformat pressen? Wie werden Blätter geboren, wie kann man im Sommer vergessen, wie kalt und tot der Winter ist? Wie sieht es in den Dingen aus?
Ich betrachte M und wundere mich, wie wenig über ihn weiß. Was er denkt und was er fühlt? Denkt er überhaupt? Und plötzlich habe ich das Bedürfnis, seinen glitzernden Ohrring zu berühren, mit den Fingern und den Lippen tasten. Mein rechtes Ohrläppchen prickelt.
Es ist seltsam, nie habe ich mich derart nach jemandem verzerrt, der mir so fremd und abstoßend erscheint. Es ist kein leidenschaftliches oder romantisches Gefühl, es ist eine drangvolle Sehnsucht.
Gleichzeitig widert mich der Gedanke an, mich von irgendjemanden anfassen zu lassen.

Ich lehne mich an meine Banknachbarin und bemerke erstaunt, wie fremd sie mir geworden ist. Als wäre aus einem Nichts eine Mauer emporgewachsen, die sich zwischen uns drängt. Du bist diejenige, die sich abgrenzt. Nein, eigentlich mauere ich mich nicht ein. Ich lasse es einfach zu, dass die Mauer empor wächst. Wenn wir nach der Schule mit der Bahn heimfahren, ignoriere ich die Tatsache, dass sie selbstverständlich zwei Viererplätze belegen und ich außen vor bleibe. Es tut nicht weh. Ich hege keine Rachegefühle. Ich akzeptiere einfach.

Zwei Stunden, schon vorbei?
"Du bist immer so still, L."

Ich weiß. Ich traeume.
28.6.10 09:00


#2 (Wohin geht die Zeit?)

Und ich folge ihm heimlich. Von nahem betrachtet sieht er nicht aus, wie ein Katzenfänger. ein mittelalter Mann mit müden Augen und hängenden Schultern. Und ich folge ihm heimlich, bis zu den Schließfächern am Hauptbahnhof, auf leisen Pfoten und in sicherer Distanz. Er sieht sich nicht um, noch hält er sich auffallend geheimnisvoll. Kurz berührt er das Schloss, nickt, wendet sich ab und geht.

Als seine Gestalt von der Masse verschluckt wird, kann ich die Neugier nicht länger bezähmen und husche zum Schrank, vorbei an den müden Figuren, die im Alkoholrausch nicht klar sehen können.

Und wenn du die Tür öffnest, wirbeln dir verknitterte Kalenderblätter entgegen und du wirst begreifen, dass deine Zeit fast um ist. und dass du zu wenig gelebt hast und zu lange gesucht, nach dem Grund und dem Sinn.

Und als ich die Tür öffne, wirbeln mir zerknitterte Kalenderblätter entgegen und ich begreife, dass meine Zeit fast um ist.
28.6.10 07:35


#1

Ich bin Sabeth. Und manchmal Mariella, die Träumerin. Und immer wieder die Katze, die das Puppenhaus verlässt, um die Welt zu sehen.

Über Nacht bin ich erwachsen geworden, auf meinem Personalausweis, und es fühlt sich seltsam an, legal Zigaretten zu kaufen, nicht mehr verstohlen hinter dem Lehrerparkplatz rauchen.
Mein Spiegelbild bleibt unverändert unvernünftig.
Das Leben zerrt und geht in die Knochen, die Welt ist anstrengend und laut und viel zu groß. Wenn ich mich erholen muss, kehre ich zurück ins Puppenhaus, und stelle mir vor, was und wie und wo ich gerne wäre, und drehe die Musik laut auf, bis ich keinen klaren Gedanken fassen kann.
Ich kann mich nicht verlieben, ich verliebe mich in selbstentworfene Konstrukte, in Romantik, die ganz und gar ohne Worte und Berührungen auskommt. Ich kann mich nicht auf mein Herz verlassen, oder auf mein Gefühl, ich kann nicht zulassen, dass man meinen Stolz verletzt. Ich streite zuviel, ich werde schnell zornig, ich wünsche mir mehr Kontrolle über mich. Ich bin unzuverlässig, manchmal lebe ich wochenlang halb im Traum. Ich kann nicht mit Schmerzen umgehen, die ich nicht selbst regulieren kann. Ich bin offen und kann doch nicht sagen, was ich tatsächlich fühle, ich male mir eine Maske auf, weil ich nur so zulassen kann, dass sie über mich lachen, weil sie nicht über mich lachen, sondern über etwas, das es nicht gibt.
Ich habe gelernt, mit meiner Einsamkeit zu leben, Menschen verwirren mich, Nähe ist mir unangenehm. Ich bin zu misstrauisch. Irgendwann möchte ich glücklich sein.

Ich liebe den dunkelgrauen Novemberregen, die bitterkalte Dezemberluft, ich liebe Frühlingsabende und Sommernächte. Ich kann auf nichts verzichten.
Manchmal nehme ich den Regenschirm und schließe die Welt aus, manchmal, wenn ich tief durchgeatmet habe und mutig sein kann, ein bisschen wenigstens, sehe ich mir die Wirklichkeit an.
Ich kann nicht dichten oder singen, ich bin unmusisch, nur in meinem Kopf kann ich alles und das nicht zu wenig. Ich fürchte mich im Dunkeln.
27.6.10 08:04


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