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#13

Ich habe meine Tasche gepackt, Kleidung, Zahnbürste, Shampoo, meine Bücher, mein Notizbuch, drei Kassetten und den Walkman. Und meine Zimmernachbarin umarmt, und mich verabschiedet, ohne ihr in die Augen zu sehen, um nicht ihrem Zweifel zu begegnen. Sie zweifelt, wie alle hier zweifeln. Ich bin nicht soweit, das weiß ich. Ich habe Abstand gewonnen, zu allem, ich stehe völlig beziehungslos zu dieser Welt.

Ich bin wieder da. Ich habe versucht, mich meinen Dämonen zu stellen. Aber niemand, der krank ist, kann jemals ganz gesund werden. Er kann nur lernen, damit zu leben.

Der Schatten überkommt mich, manchmal ist da diese Barriere zwischen mir und der Welt und niemand sieht, wie ich zerfalle. In der Freiheit ist man niemals sicher.

Das Puppenhaus ist bei mir. Und mein Blick ist auf mich gerichtet. Es gibt Dinge, die man mir nicht nehmen kann. Und das ist erst einmal alles, was ich brauche.
25.5.11 01:41


#12

Ich lese den Zauberberg, zum zweiten Mal in meinem Leben. Diesmal konzentrierter, diesmal für mich alleine. In den Minuten, die ich für mich habe. Der Therapeut hat mich gefragt, ob ich das nicht für unangemessen halte. An einem Ort, wie diesem.

Wir geben diesem Ort alberne Namen, wir scherzen, wir lachen darüber. Weil niemand den Gedanken ertragen könnte, daß wir alle krank sind, die ganze Gruppe und jeder für sich. Daß wir unsere Zwänge haben, düstere Gedanken, unsere Angst. Und daß wir alle einmal an dem Punkt standen, an dem wir glaubten, nie wieder ins Leben zurück zu finden. Das laute Mädchen mit den Sommersprossen, das keinen Schritt vor die Tür machen kann, das Puppengesichtmädchen, das nachts für sich selbst weint und tafelweise Schokolade isst, das große Mädchen, das vor anderen die Schultern hochzieht und nicht reden mag, die Älteste, die selbstbewusst spricht und in der ständigen Angst vor Krankheit lebt, die Kleinste, die ihr Unglück nicht aufgeben will. Und dann der Junge, der an allem leidet und es nicht konkretisieren könnte, der große, dünne Kerl, der sich wie ein Kind benimmt und sich nachts die Arme aufschneidet, die zwei, von denen niemand weiß, was ihnen eigentlich zugestoßen ist und die selten ihr Zimmer verlassen, und der Junge, der sich wäscht, bis die Haut ganz wund ist, weil er nicht anders kann. Wir alle sind nicht gefährlich, nicht für uns und nicht für andere. Aber wir alle können das Leben nur schwer bewältigen.

Rauchen ist hier eigentlich verboten. Und Ausgang gibt es für allenfalls eine Dreiviertelstunde. Ich werde hier nicht lange bleiben. Vielleicht noch eine Woche oder ein wenig mehr. Aber schon jetzt kommt mir mein Leben wie unendlich weit weg vor. Und ich werde mich nicht noch weiter entfremden.
22.9.10 14:37


#11

Ich liege um neun im Bett und schlafe ein, ohne wirklich einzuschlafen, und wache um eins auf, ohne wirklich wach zu sein und trinke Tee und lese und warte. Wenn es hell wird, ziehe ich mich leise an und laufe auf der Allee, und laufe, bis das Atmen weh tut und mein Gesicht glüht und die Welt vor meinen Augen verschwimmt. Ich weiß nicht, was fehlt. Vielleicht brauche ich Dich, um all die Albernheiten auszusprechen, die die Anderen merkwürdig und kindhaft an mir finden. Vielleicht brauche ich Dich, weil Du mich vom Denken ablenkst.
Vielleicht habe ich Angst. Meine Mutter sagt: "Wir unterstützen Deine Entscheidungen."
... aber Du musst die Entscheidung treffen. Ich möchte mich zwischen meinen Kuscheltieren
verstecken, ich möchte Teil meiner leblosen, formlosen Gemälde werden, oder die schattenhafte, unbedeutende Nebenfigur in einem meiner Lieblingsbücher.
Warum bin ich nicht einer von den Menschen, die genau wissen, was sie wollen?
Warum kann ich mir kein Ziel setzen?
Warum gibt es so unendlich viele Möglichkeiten, dass ich keine nutzen kann, weil sie alle so verlockend scheinen?
Mit einem Kohlestift male ich Schatten auf buntes Kartonpapier. Meine Kunstlehrerin sagt, dass es hilft, zu begreifen, dass die Dinge immer zwei Seiten haben.
Absurd, sagt Lij, wenn man bedenkt, wie viele hundert, tausend Seiten die Dinge haben.
Aber gerade jetzt will ich nicht alles sehen, ich will die Welt einmal in richtig und falsch zerschneiden.
Wenigstens heute noch.
14.7.10 12:01


#10

1.  nimm das nächste Buch in deiner Nähe mit mindestens 123 Seiten.
2.  schlage die Seite 123 auf.
3.  suche den fünften Satz auf der Seite.
4.  poste die nächsten 3 Sätze.
5.  wirf an 5 Blogger weiter.

"[...] Ich wollte dort sitzenbleiben und nicht sprechen und nicht zuhören und diesen Augenblick für alle Zeiten wie eineKostbarkeit bewahren, weil jeder von uns so friedlich gestimmt war, schläfrig und zufrieden, ebenso wie die Biene, die über uns in den Zweigen summte. Nach einer kleinen Weile würde es schon wieder anders sein; es würde morgen werden, ein neuer Tag und bald auch ein neues Jahr. Und wir würden uns vielleicht verändert haben und nie mehr so beisammen sitzen, wie jetzt. [...]"
(Daphne du Maurier - Rebecca)
7.7.10 09:14


#9

Irgendwann sag' ich es ihm. Irgendwann. Aber nicht heute.

Ich habe seine Hand gehalten, mit seinen Fingern gespielt und ein bisschen so getan, als wäre das alles nichts für mich, ich habe mich weit aus dem Fenster gelehnt und cool getan, vielleicht zu überdreht, um mich an ihn zu hängen, wohlwissend, dass jeder Schritt es noch schmerzhafter macht. Märchenprinz und Lumpenpuppe, was soll das schon? Ich werde rot, wenn ich ihm in die Augen sehe, ich stelle mir vor, wir sind ein Portrait, ich stelle mir vor, wir sitzen einander gegenüber, und müssen uns nicht ansehen, um zu wissen, dass wir da sind. Und mit jedem Traum nimmt das Leiden zu, jede Berührung könnte zuviel sein:

"Sorry, L,..."

Ich bin wahnsinnig, mich immer wieder hineinzustürzen. Immer wieder verrückt danach, mir ein bisschen mehr wehzutun.

Ich habe seinen Namen im Schlaf gemurmelt, immer wieder, im Fieber, bis ich nichts sehen konnte, als diesen kühlen, spöttischen Blick, der mir die Röte ins Gesicht treibt.

Ich träume, bis ich stolpere und falle.
6.7.10 19:55


#8

Wenn mich die Trauer überkommt, ein dunkelgrauer Vorhang, der sich über die Augen legt...
Moon River in den Ohren taste ich mit nackten Füßen den verstaubten Boden und die Welt wird monochrom, eine Sinfonie in schwarz-weiss. Audrey Hepburn, Diven aus den 60ern, glatte Männergesichter, eine Pfeife und dieses unverkennbare, spöttisch-melancholische Filmstarlächeln im Mundwinkel.
Eine Truhe voll Erinnerungen, die ich gegen nichts eintauschen möchte, Erinnerungen, die meine sind, die nicht meine sind, die ich gerne hätte und niemand kann sie mir nehmen.
6.7.10 08:36


#7

Wie oft ich die Lippen mit den Fingern in den Himmel zeichne und die Luft küsse. Die Sonne versinkt im Meer, nicht glutrot, wie auf kitschigen Postkarten, sondern wie Pfirsisch mit Chili schmeckt. Es ist kalt, nicht die zarte Kühle, die man in meiner Stadt gewöhnt ist, eine bittere Kälte, die jede Wärme aus meinem Körper nimmt. Ich schmecke Salz.

Ich habe die Liebe aufgegeben, weil sie mir angst macht. Die Selbstaufgabe und die ständige Kontrolle - Mache ich keinen Fehler? - und alles. Ich habe es nie lange ausgehalten, ich habe immer aufgehört, bevor ich mir oder ihr weh tun konnte.

Du bist ganz schön komisch, L, was willst du eigentlich? fragt Lij mich. Manchmal tut es einem weh, aber ist es das nicht wert? Ich überlege nur kurz, was will ich eigentlich? Ich wünsche mir ein Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage... Ich wünsche mir etwas Kühles, das uns hält, das mich morgens mit diesem süßen Gefühl zwischen Bauch und Herz, ich weiß nicht wo, erwachen lässt, den hauchzarten Kuss auf der Stirn, lange Briefe, miteinander schweigen können, den Winter ohne Streit überleben, vielleicht am Kamin. Ich wünsche mir, keine Angst zu haben, ich wünsche mir, dass wir dicht beieinander stehen und niemandem etwas beweisen zu wollen oder zu müssen, weil wir beide wissen, was uns verbindet, weil wir uns kennen. Ich wünsche mir Liebe, die ich nicht Liebe nennen muss, weil Worte ohne Belang sind. Ich möchte eines dieser altmodischen Kleider tragen, einen eleganten Hut und in einer Kutsche fahren und bei seinen Knien sitzen, während er seine Post durchgeht und hin und wieder, nachlässig, geistesabwesend, mit seiner Hand durch mein Haar.

Lij lacht.
Du bist eindeutig in der falschen Zeit geboren, L.
5.7.10 17:40


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